„Speed, Technologie und absolute Datengetriebenheit“

Dr. Rainer Hillebrand

Mitglied des Vorstands der Otto Group

Interviewbild Dr. Rainer Hillebrand

Seit 1999 ist Dr. Rainer Hillebrand Mitglied des Vorstands der Otto Group. Von 1999 bis 2001 verantwortete er in dieser Funktion Verkauf und E-Commerce, von 2001 bis 2004 die Bereiche Marketing, Werbung und E-Commerce. Von 2005 bis 2012 war Dr. Hillebrand als Mitglied des Vorstands der Otto Group Vorstandsprecher des OTTO- Vorstands, sowie Vorstand OTTO Vertrieb, Marketing und E-Commerce. Im Herbst 2007 wurde Dr. Hillebrand darüber hinaus zum Stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Otto Group ernannt. Im August 2012 hat Dr. Hillebrand seine operativen Aufgaben als Sprecher des Vorstands der Einzelgesellschaft OTTO und als OTTO-Vorstand Marke, Service und E-Commerce abgegeben. Seitdem verantwortet er die für die Otto Group bedeutenden Themen Konzernstrategie, E-Commerce und Business Intelligence.

Was sind für Sie aktuell die drei wichtigsten Herausforderungen mit Blick auf den Trend zu Seamless Shopping über mehrere Kanäle hinweg?

Speed, Technologie und absolute Datengetriebenheit bilden das Fundament einer Multichannel-Strategie. Speed bedeutet in diesem Zusammenhang, Entwicklungen am Markt früh zu antizipieren und extrem schnell in mein Business zu integrieren. Hierzu muss ich die entsprechende technologische Infrastruktur schaffen. Mithilfe von Daten kann ich nicht nur rückwirkend, sondern – dank intelligenter Prognoseverfahren – schon im Voraus marktrelevante Entscheidungen treffen. Nur das reibungslose Zusammenspiel dieser Parameter ermöglicht es, unverwechselbare Einkaufserlebnisse über mehrere Kanäle hinweg zu schaffen.

Welche Vorteile hat ein traditionsreicher Versandhändler im Online-Handel, und welche Auswirkungen hat dies auf die Multichannel Aktivitäten?

Der klare Vorteil liegt darin, dass wir seit 65 Jahren direkt mit den Kundinnen und Kunden zu tun haben. Ein weiterer liegt darin, dass bei aller Tradition der permanente Wandel tief in unserer Unternehmens-DNA verankert ist. Ich denke, dass genau diese Veränderungsdynamik unsere starke Position am Markt ausmacht. Natürlich müssen wir diese Stellung immer wieder aufs Neue verteidigen, keine Frage. Allerdings haben wir das nötige Selbstvertrauen sagen zu können: „Wachstum ja, aber nicht um jeden Preis!“ Damit unterscheiden wir uns ganz massiv von vielen jüngeren Unternehmen im Wettbewerb. Gerade das Betreiben von Multichannel-Geschäftsmodellen, durchaus besondere Anforderungen an das Management stellen, geht mit diesem Erfahrungsschatz leichter von der Hand.

Was ist das aktuelle Selbstverständnis der Otto Group – fühlen sich die Mitarbeiter in der Regel als Mitarbeiter bei einem Versandhändler, Online-Unternehmen oder Multichannel-Anbieter?

Das lässt sich über alle Unternehmen der Otto Group schwer sagen. Da alle Versandhändler mehr oder weniger zu Online-Unternehmen geworden sind, vermute ich beim Selbstgefühl vieler Kolleginnen und Kollegen eine starke Hinwendung, im Online-Business tätig zu sein. Andere Konzerngesellschaften haben starke Standbeine im Stationärgeschäft. Die Servicekräfte vor Ort werden sich wohl her als Verkäufer verstehen und hoffentlich Online-Kanäle mit bespielen. Was wir indes stärker brauchen, ist das Bewusstsein, an einem schnellen, kundennahen und extrem datengetriebenen Unternehmen mitzuarbeiten. Hierfür treiben wir zurzeit den vielleicht umfassendsten Kulturwandel voran, den der Konzern je erlebt hat. Mit dem Ziel, schneller und agiler am Markt zu werden – ohne dass unsere Grundwerte auf der Strecke bleiben.

Welche Rolle spielen Rabattaktionen und ‚Sale’ Bereiche im online und Multichannel Vertrieb?

Das ist ein sehr interessanter Punkt, denn zum einen setzen Konsumenten viel Wert auf Individualität, was sich im Wunsch nach personalisierten Angeboten wiederspiegelt. Zum anderen zeigen sie sich aber auch sehr preisbewusst – Preisvergleichsportale und Deal-Plattformen haben seit Jahren Hochkonjunktur. Auch wir müssen diesen Spagat schaffen, was wir durch unsere große Bandbreite an Shopping-Konzepten schaffen: Collins zum Beispiel steht für eine Plattform, mit der wir über den Open-Commerce-Ansatz vor allem die junge digitale Zielgruppe sehr individuell ansprechen. Mit dem Shopping-Klub Limango wiederum haben wir das Prinzip „Sale“ sogar zum Geschäftsmodell gemacht – mit großem Erfolg.

Welche zentralen Veränderungen sehen Sie für das Shopping-Verhalten der Kunden in einigen Jahren, und was kommt nach der Verknüpfung der Kanäle?

Die zunehmende Bedeutung von mobilen Endgeräten ist nicht mehr von der Hand zu weisen und beeinflusst die Branche bereits heute massiv – bei den großen Anbietern der Otto Group wird fast die Hälfte des Traffics über Smartphone und Tablets generiert. Wir reden von einem Megatrend, der früher oder später in alle Bereiche des Lebens durchdringen wird. Die nächste Entwicklungsstufe wird daher logischerweise die Verknüpfung von Geräten sein, wodurch das Thema Multichannel in einem wieder völlig neuen Licht erscheinen wird. Unter vertrieblichen Gesichtspunkten werden sie genauso ihren Platz in der Multichannel-Strategie beanspruchen wie der Flagship-Store in der Innenstadt. Ich bin gespannt, wie die Branche darauf reagieren wird – auch mit Blick auf unser eigenes Unternehmen.

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