„Einzelhändler berichten über erfreuliche Zusatzumsätze, wenn der Kunde im Internet bestellte Ware im Laden abholt.“

Harald Rottes

Leiter Einkaufszentren und Mitglied der Geschäftsleitung bei der CITTI Handelsgesellschaft mbH & Co.

Interviewbild Harald Rottes

Harald Rottes ist Leiter Einkaufszentren und Mitglied der Geschäftsleitung bei der CITTI Handelsgesellschaft mbH & Co KG Kiel, für die er seit 1994 arbeitet. Zuvor war er Geschäftsführer Einzelhandel bei DTZ Zadelhoff, Objektmanager bei ECE Hamburg und bei der DSL-Bank in Bonn Bad Godesberg tätig

Was sind für Sie aktuell die drei wichtigsten Herausforderungen mit Blick auf den Trend „Seamless Shopping“ über mehrere Kanäle hinweg?

Der Verkauf über verschieden Kanäle hinweg spricht verschiedene Kundengruppen an:

  1. Den überzeugten Internet-Käufer, der die Ware bestellt und geliefert bekommt,
  2. den Internet-Kunden, der die Ware im Internet aussucht, bestellt und dann im stationären Laden abholt,
  3. den klassischen stationären Kunden, der in den Laden kommt.

Diese Kunden müssen wir „unter einen Hut“ bekommen. Das gilt auch und insbesondere für den Waren-Abgabepreis: Die primäre Intention des Internetkunden ist bisher, einen Abgabepreis niedriger als im Geschäft zu erzielen. Die Bequemlichkeit und Auswahl kamen erst an den folgenden Rangfolgen. Unser Augenmerk muss darauf gerichtet bleiben, auch den Internet-Kunden an den POS zu bekommen. Dadurch sind die Vorteile des Internets mit der face-to-face Situation im Laden kombinierbar und es entsteht eine für alle Beteiligten positive Frequenz – und Umsatzchance.

Herr Rottes, folgendes Statement stammt von Ihnen: „Verständnis für die Bedürfnisse des Handels ist eine absolut notwendige Kernkompetenz.“ Wie haben sich die Bedürfnisse der Handelsunternehmen als Mieter durch den Einfluss der Digitalisierung verändert?

Die Bedürfnisse des Handels werden ja durch die Wünsche und Anforderungen der Kunden geprägt. Die Kunden sind heute mehr denn je digital unterwegs, und das gilt für alle Altersgruppen. Mieter erwarten deshalb heute andere digitale Umgebungen, die sie für sich und die Kunden nutzen können. Diese neue Infrastruktur ist vom Vermieter bereitzustellen und zu pflegen, auch mit interessanten Contents von außerhalb. Dann stehen natürlich die klassischen Werbemedien auf dem Prüfstand: Printmedien versus Social Media.

Ihr jüngstes Modernisierungsprojekt wird gerade in Lübeck fertiggestellt. Welche Schnittstellen und Services stellen Sie Ihren Mietern künftig zur Verfügung?

Im CITTI-PARK Lübeck werden wir eine digitale Umgebung errichten und auch den Mietern zur Verfügung stellen. Im Center werden wir über Monitore externe Contents wie Nachrichten sowie das Center betreffende Inhalte bereitstellen. Mietern wird auch hier die Möglichkeit einer spezifischen individuellen Nutzung eingeräumt.

Nach unseren Erfahrungen nimmt die Gastronomie eine immer stärkere Rolle bei der Weiterentwicklung der Shoppingcenter ein. Ist es richtig, dass das Thema Gastronomie in den Shoppingcentern der Zukunft eine größere Rolle spielen wird?

Das entspricht auch unserer Wahrnehmung: Gastronomie ist geeignet, die Aufenthaltsqualität im Einkaufszentrum zu erhöhen. Wir setzen dabei auf Gastronomen mit eigenen Sitzbereichen und Gastgeberkompetenzen, weniger auf Food-Courts mit allgemeinen Sitzgelegenheiten.

Haben Sie schon Ideen, wie Sie Handel und Gastronomie auf neue Weise miteinander verknüpfen, um Verweildauer und Kundenbindung zu erhöhen?

Die Verweildauer in unseren Einkaufszentren ist schon heute sehr hoch. Dazu tragen zum Beispiel kostenlose Parkplätze und ein kostenloser Kinderhort bei. Gastronomie hat sich zum Treffpunkt im Einkaufszentrum entwickelt und ist Ausgangsbasis oder Abschluss eines jeden spannenden Shopping-Bummels. Das gilt insbesondere für Tage mit längeren Öffnungszeiten.

Welche zentralen Veränderungen sehen Sie für das Shopping-Verhalten der Kunden in einigen Jahren beziehungsweise was kommt nach der Verknüpfung der Kanäle?

Ich bin zunächst einmal sehr gespannt, wie sich das Shopping in den nächsten drei bis fünf Jahren in der Koexistenz der Kanäle entwickelt: Treten die Win-win-Effekte wie gewünscht ein oder müssen die Stellschrauben hierfür weiter angepasst werden? Betreiber berichten heute über erfreuliche Zusatzumsätze, wenn der Kunde die im Internet bestellte Ware im Laden abholt. Ist das der Trend für die Zukunft? Ist der internetaffine Kunde langfristig bereit, statt Versand das Abholen zu wählen? Was können wir als Center-Betreiber dafür tun, um dies zu fördern?

Ich bin überzeugt, dass die verschiedenen Kanäle in der Zukunft verschmelzen und das Internet schwerpunktmäßig das Schaufenster des Betreibers, nicht aber die Anprobe und den Kauf ersetzt.

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